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Philipp Cibulka und seine Damenriege: Alma van der Donk, Marie Janitschek und Julia Götz (v. li.) erlernen bei ihm das Handwerk © Robert Kittel

Werk-Stadt

Der Lichtblick

Ein Artikel von Robert Kittel | 25.11.2019 - 15:05
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Philipp Cibulka © Robert Kittel

Nostalgiker fühlen sich beim Besuch von ­Cibulkas „Werk-Stadt“ in Margareten in frühere Zeiten versetzt. Ein „Gwölb“ in einem Mehrparteienhaus mitten im Wohngebiet, keine großen Maschinen – hier wird das meiste buchstäblich noch von Hand gemacht.  „Das Haus gehört der Familie ­Schramek“, erzählt Philipp Cibulka, „Ich habe das Glück, mit ihnen befreundet zu sein. Man muss nämlich überhaupt erst mal einen Vermieter finden, der einen Betrieb zulässt.“ Ursprünglich hatten die Schrameks in diesem Haus ihre Holzhandlung, zeitweilig war sogar die Tischlerinnung darin untergebracht: „Das Gewölbe hier war einmal ein Lager. Als ich das gemietet habe, war es komplett leer, kein Strom, keine Maschinen. Das habe ich mir dann eingerichtet. Ohne Probleme geht‘s natürlich net, aber inzwischen haben sich die Anrainer wieder ein wenig daran gewöhnt, dass es in einer Stadt auch Handwerker gibt.“ Man beginne, den Wert des Handwerkers am Ort wiederzuentdecken, meint Cibulka: „Das ist ihnen erst aufgefallen, nachdem sie alle Betriebe in die Industriezentren rausgeworfen hatten – halt, aus, da fehlt uns doch was? Da gibt’s inzwischen ein neues Bewusstsein für eine Nahversorgung.“

 

Faire Betriebsanlagengenehmigung

Cibulka engagiert sich heute auch als ­Bezirksrat, das sei er aber erst nach der ­Betriebsanlagengenehmigung geworden, lacht er: „Vielleicht auch deshalb, weil ich so zäh war und eine komplett neue Betriebsanlagengenehmigung durchzog. Das brauchte ungefähr vier Jahre. Finanziell war’s an der Kippe, ich musste die Absauganlage ganz neu aufbauen, aber wir haben dadurch jetzt auch bessere Arbeitsbedingungen. Und man muss ehrlich sagen, ­niemand war feindlich gesinnt, man be­handelte uns fair und mit Augenmaß.“ Klein und einfach sei es eben, wiegelt er ­bescheiden ab: „Speedmaster wird heute in der Schule unterrichtet, für Einmann­betriebe ist das sicher eine Option – fertige Laden, Fronten, Korpusse zusammenbauen. Es hat nur überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich mache. Ich such mir mein Holz selbst aus und fertige dann von ­Anfang bis Ende selbst und handwerklich. Das wünschen sich meine Auftraggeber von einem Handwerker, weil das andere könnten sie auch online bestellen.“ Es gebe – wieder – Kunden, die genau das, was er ­mache, suchen und zu schätzen wüssten: „Urbane, junge Besserverdiener, die iPhone-Generation. Sie schätzen Details, wie eine handgezinkte Schublade, und sind auch bereit, den Aufwand zu bezahlen, um ein Stück zu haben, das besonders ist.“

 

Lehre wieder gefragt

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Alma van der Donk in der Tischlerei von Philipp Cibulka © Robert Kittel

Derzeit bildet Cibulka drei Lehrmädchen aus: „Das hat sich irgendwo so entwickelt. Die erste kam vor sieben oder acht Jahren, die hat mich gefragt, ob sie da lernen kann. Dann kam eine zweite, die waren alle Anfang dreißig, hatten bereits unterschied­liche Ausbildungen und Studien absolviert.“ Die Erfahrungen seither waren hervorragend, erzählt er: „Seien wir doch ehrlich, man soll mit vierzehn seinen Beruf wählen, das ist manchmal einfach zu früh.“ Eine ­abgeschlossene Schule oder ein Studium gebe die nötige Zeit für die Berufswahl, ­solche Lehrlinge seien ernsthafter und ­motivierter: „Ich bin ‚mittelalterlich‘ aus­gerüstet, habe lauter alte Maschinen und das ­Minimum dessen, was es gibt, und biete quasi eine Ausbildung im traditio­nellen handwerklichen Sinn. Die Tischlerei hat sich so verändert, dass das, was ich da mach – Anfertigung von Einzelstücken, ich arbeite fast ausschließlich mit Massivholz –, ­anscheinend für junge Leute cool und ­attraktiv ist, deshalb wollen alle da lernen.“
Mit der Zeit sei ein regelrechtes Netzwerk mit viel Mundpropaganda gerade unter den jungen Frauen entstanden: „FIT, das Programm Frau in technischen Berufen ist relativ gut gefördert. Deshalb kann ich mir das überhaupt leisten, zwei Lehrlinge auszubilden.“ Eine seiner Schützlinge, ­Marie Janitschek, habe eben ihren Lehr­abschluss gemacht: „Alma van der Donk ist jetzt im dritten Jahr und Julia Götz im ­ersten. Die beiden arbeiten miteinander und Frau van der Donk zeigt der Jüngeren, wie es geht, und lernt selber viel dadurch, weil sie die Arbeitsabläufe erklären muss.“ Er nehme sich Zeit für seine Lehrlinge. „Vielleicht ist das ja der Schlüssel, um eine Lehre für junge Menschen attraktiv zu machen?“

 

Engagierter Tischler

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Julia Götz erlernt in der Tischlerei von Philipp Cibiulka das Handwerk © Robert Kittel

Für sein Engagement hat die Redaktion des Fachmagazins Holzdesign Philipp ­Cibulka deshalb in der Kategorie Tischlerei zum „Unternehmer des Jahres 2020“ gekürt. Beileibe nicht seine erste Auszeichnung – erst kürzlich wurde ihm von der Wirtschaftskammer der amaZone-Award in der Kategorie Kleinbetrieb verliehen.

Ein Lichtblick

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So sieht städtisches Kleinhandwerk aus: schlicht, aber angesagt © Robert Kittel

Cibulka beweist, dass durch sich verändernde demografische Gegebenheiten im urbanen Raum neue Möglichkeiten entstehen können, die weit über Montagedienstleistungen hinaus wieder an traditionelles Kleinhandwerk anknüpfen. Mit seinen solitären Einzelanfertigungen bedient er zudem keine klassischen, etwas in die Jahre gekommenen Kundenkreise, sondern schafft es, ein neues, junges Pu­blikum zu begeistern. Diese Begeisterung kann er auch seinen Auszubildenden vermitteln und den Tischlerberuf für junge Menschen attraktiv machen. Ein Lichtblick, der die Stadt Wien noch lebenswerter macht.

 

Unverhoffte Nachricht

Die Nachricht von der Auszeichnung sei für ihn völlig unverhofft gekommen, meinte Philipp Cibulka bei unserem Besuch: „Die Selbstständigkeit, das ist wie eine Krankheit – meine Krankheit. Reich wird man nicht. Ich sag immer, ich kann mir meine Arbeit leisten. Sie macht mir Freude. Gibt‘s denn was Besseres?“