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ie Idee des Lounge-Chair war, die Sitzschale aus einem einzigen Stück Holz zu fertigen. © Schnizlein Naturholzmöbel, UDO MEINEL, BERLIN UDO_MEINEL@GMX.DE

Schnizlein Naturholzmöbel

Massiv und gemütlich

Ein Artikel von Dagmar Holey | 24.02.2020 - 15:19

Nach einer längeren Entwicklung- und Experimentierphase ist es ihm gelungen, die Idee perfekt umzusetzen: Die Sitzschale des Lounge-Chair ist aus massiver Nuss, dreidimensional ergonomisch geformt. Die Unterkonstruktion aus rohem gewalztem Stahl hält sich unauffällig im Hintergrund und ermöglicht das Verstellen in Sitz- und Liegeposition. Der passende Fußschemel vollendet das Ensemble nicht nur optisch, sondern sorgt für perfekte Entspannung – Beine hoch, tief durchatmen und den Alltag loslassen!

 

Frühe Liebe zum Handwerk

Die Natur fasziniert uns mit ihren weichen, einladenden Formen. Das gilt auch für Bäume, die uns mit ihren organischen runden Strukturen begeistern. Wer hat nicht Kindheitserinnerungen an Kletterbäume, Lieblingsplätze in Astgabeln – wie geschaffen, um sich anzulehnen? Manchmal wird aus der Liebe zur Natur und zu den Bäumen die Liebe zum Holz und zur Arbeit damit. Vielleicht war es so bei Janni Schnizlein und seinem Bruder, die auf einem bayerischen Vierkanthof aufwuchsen und schon bald Begeisterung am Handwerk entwickelten. Heute ist der eine Tischler mit Leidenschaft für Massivholz, der andere Zimmermann.

 

Runde Stämme, eckige Bretter

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„Die Schönheit des Holzes mit seinem natürlichen Wuchs“ liegt Schnizlein am Herzen. © Schnizlein Naturholzmöbel , UDO MEINEL, BERLIN UDO_MEINEL@GMX.DE

Wird ein Baum zu Holz verarbeitet, ist es meist schnell vorbei mit den organischen Rundungen: Gerade, eckige Bretter sind das Ausgangsmaterial der Branche, weiter verleimt zu Platten oder zerkleinert für Holzwerkstoffe. Anschmiegsame Strukturen sind oft nur mit beträchtlichem Materialeinsatz und -verlust zu erzielen.
„Mir war wichtig, optisch eine leichte Form zu finden. Daher habe ich die Methode des Holzbiegens gewählt, da diese die größtmögliche Stabilität bei wenig Materialeinsatz bietet“, so Schnizlein. Dass sich Holz mit Wasserdampf erhitzen und anschließend verformen lässt, ist schon lange bekannt. Vor knapp 200 Jahren hat Thonet das Verfahren aufgegriffen, perfektioniert und mit seinen Bugholz-Sesseln Möbelgeschichte geschrieben.
Der Schwerpunkt des 2010 gegründeten Unternehmens Schnizlein Naturholzmöbel lag von Anfang auf Massivholz. „Oberste Priorität ist die Leidenschaft für den Werkstoff Holz sowie die ökologische und kunstvolle Umsetzung unserer Projekte“, sagt der Tischler. Der Schritt vom Massivholz zum Holzbiegen lag nahe für ihn. Zur Ausstattung seiner Werkstatt im oberbayerischen Buchbach gehört auch eine kleine Dampfkammer.

 

Abenteuer Holzbiegen

Als er sich an den Sessel Lounge wagte, hatte Schnizlein bereits Erfahrung im Biegen. Bei seiner Serie RJ – einem Sofa mit passendem Couchtisch – fertigt er die dampfgebogenen Armlehnen selbst. Das Biegen der 50 cm breiten Sitzschale war aber eine wesentlich größere Herausforderung, bei der er an seine Grenze stieß. Weil er sich als überzeugter Massivholztischler mit der Alternative Formsperrholz nicht anfreunden konnte, suchte er nach einem Partner mit mehr Erfahrung.
Schließlich realisierte er den Entwurf gemeinsam mit dem Schweizer Holzbiegewerk Winkler. „Der Weg von einer Idee zu einem Produkt braucht Raum und Zeit. Wir verstehen unser Atelier als Einladung an Designer, Gestalter, Architekten, Schreiner, Studenten ihre Ideen bei uns voranzutreiben. Gemeinsam finden wir Wege, wie sich ihre Entwürfe in serienreife Werke verwandeln lassen“, sagt man dort. Von Winkler kam auch der Tipp, Nuss zu verwenden. „Nussbaum ist das geschmeidigste Holz zum Biegen“, hat Schnizlein gelernt. Dennoch bleibt der Biegevorgang selbst spannend: das Holz manchmal eigensinnig, das Ergebnis nicht immer wie gewünscht.

 

Herausforderung frisches Rohmaterial

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Das ursprüngliche Ahorn-Gestell des Prototyps wich einer dezenten Stahlkonstruktion © Schnizlein Naturholzmöbel

Geeignetes Holz für den Lounge zu bekommen, ist inzwischen ebenfalls zur Herausforderung geworden. Einerseits müssen die Bretter groß genug sein, andererseits müssen sie frisch sein. Das Verfahren funktioniert am besten, wenn das Holz noch feucht ist. Schnizlein bringt das feuchte geschnittene und gehobelte Rohmaterial in die Schweiz, wo es in der Dampfkammer erhitzt und schließlich mindestens drei Wochen in der Form getrocknet wird. Erst dadurch bleibt es langfristig formstabil. Nach der persönlichen Abholung in der Schweiz wird die geschwungene Oberfläche per Hand geschliffen und mit Hartwachsöl behandelt. „Die Ausführung wird immer eng mit dem Kunden abgestimmt. So entsteht jedes Mal ein einzigartiges Stück. Die Kunden schätzen gerade diese Individualität, die wir als kleine handwerkliche Manufaktur bieten“, so der Tischler.
 Mit seiner Kollektion ist er immer wieder auf regionalen Ausstellungen und Messen für nachhaltiges Design unterwegs. Auch Österreich stand da schon auf dem Reiseplan. Für heuer ist außerdem ein Ausbau der Werkstatt, in dem neben Schnizlein noch ein Geselle und zwei Auszubildende arbeiten geplant. Nach den schwierigen ersten  Aufbaujahren hat die Tischlerei ihren Stil etabliert und ihren Weg gefunden. Neben Lounge-Chair, Sofa und Couchtisch RJ und anderen Modellen, fertigt Schnizlein Naturmöbel auch auftragsbezogen nach Kundenwunsch. Auch hier bleibt er seinen Prinzipien treu: massiv, schlicht und optisch leicht.