Tischlerei Engel und Brotzge

Der Reiz des Einfachen

Ein Artikel von Dagmar Holley | 24.03.2020 - 14:24
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Die Höhe der diagonal geführten Streben ist auf die des Hockers abgestimmt © www.petra-rainer.at

„Wir sehen uns als Problemlöser“, sagt Paul Brotzge. Bei Kundenbesuchen fiel ihm immer wieder „vernudelte“ Tageskleidung in Schlafzimmer und Bad auf. Daraufhin griffen er und Wilfried Engel – die beiden führen gemeinsam die Vorarlberger Tischlerei Engel und Brotzge - das Thema auf. Man erinnerte sich an das Konzept des stummen Dieners - ein Möbelstück, das etwas in Vergessenheit geraten ist. In ihrer Serie Einfachmöbel konzentrieren sich die beiden auf das Wesentliche. Der Einfach-Diener ist ein Paradebeispiel dafür.

 

Minimalistisch bis zum Limit

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Der schlanke Diener und sein größeres Gegenstück, die Garderobe. © www.petra-rainer.at

Es gehört zur Aufgabe des Dieners, allzeit bereit, zurückhaltend elegant und unauffällig zu sein. Daher wurde die Massivholz-Konstruktion so zart wie möglich umgesetzt. Der Querschnitt der Beine des 180 cm hohen Dieners verjüngt sich von 36 x 36 mm oben auf nur 16 x 16 mm unten. Die Standfläche umfasst 60 x 30 cm. Die obere Stange hat einen Durchmesser von 30 mm – passend für Kleiderbügel. Die beiden unteren, runden, diagonal geführten Querstreben dienen nicht nur der Stabilität, sondern sind hoch genug, um Hosen oder Röcke darüber zu schlagen. Ihre Durchmesser betragen 25 und 20 mm.
Der Entwurf stammt von Brotzges Frau Elisabeth Brotzge-Böckle, die ebenfalls im Unternehmen arbeitet. „Nach ihrer schnellen Handskizze habe ich einen Prototyp gebaut, aber der war viel zu stark. Dann habe ich mich mit der Materialstärke bis ans Limit getastet“, erinnert sich der Tischler und lobt die extreme Belastbarkeit des Holzes.

 

Möbelserie als Visitenkarte

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Die Liebe zum Handwerk und zu regionalen Holzarten - hier der Eiche - zeigt sich in den Details. © www.petra-rainer.at

Das Gegenstück des Einfach-Dieners ist die Einfach-Garderobe. Sie folgt dem gleichen Konstruktionsprinzip, ist aber etwas größer und außerdem mit Zapfen zum Aufhängen am Schlauferl ausgestattet.
Der dritte im Bunde ist ein Hocker. In ihm sind alpiner Melkschemel und minimalistische Ästhetik vereint. Die Sitzfläche ist durchbrochen von 36 x 36mm großen, quadratischen Hirnholzflächen der Füße. Die Höhe des Hockers und die der unteren Querstangen sind aufeinander abgestimmt: Die Sitzgelegenheit passt genau darunter.

 

Jedes Jahr eines mehr

Die Serie Einfach-Möbel entstand aus der Notwendigkeit, auf Messen und Ausstellungen kleine, für den eigenen Stil repräsentative Möbel zu zeigen: gut gestaltete Vollholzmöbel, ein starker Bezug zur Architektur, das Bekenntnis zum Regionalen, die minimalistische Betonung des Wesentlichen.
„Unser Schwerpunkt liegt auf der Herstellung von regionalen Maßmöbeln. Ein Tischler muss vor Ort sein, daran hat auch die Digitalisierung nichts geändert. Mit unseren Einfach-Möbeln wollen wir zeigen, was wir können“, gibt Brotzge Einblick in die Firmenphilosophie. Als Werkstoff verwenden die Vorarlberger regionales Massivholz, wie Eiche, Ulme, Nuss oder Kirsche - oder wenn es ungewöhnlich sein soll, auch geräucherte Eiche, die so richtig schwarz ist und an eine Skulptur erinnert. Neben Diener, Garderobe und Hocker interpretiert die Serie auch Bett, Bank, Kanapee, Küche, Tisch und Regal auf ihre Art. „Jedes Jahr kommt ein Möbel dazu“, freut sich Brotzge.

 

Drei und drei im Team

Im Juni feiert die Tischlerei ihr zwanzigjähriges Bestehen. Heute ist das Team aus Tischlern, Quereinsteigern und Auszubildenden auf sechs Köpfe angewachsen – drei Männer und drei Frauen. Das sieht Brotzge als Gewinn: „Frauen in der Tischlerei – das passt für uns gut. Sie sind genau und zuverlässig, haben ein gutes Gefühl für Gestaltung und einen Sinn fürs Praktische. Sie sehen vieles gesamtheitlich, während Männer eher Details wahrnehmen.“
Das klingt alles sehr harmonisch und einfach. So gesehen wäre wohl für viele die Anschaffung eines Dieners lohnenswert. Dann wird zumindest weniger über herumliegende Wäsche gestritten.