Pia Pollak und Tischlerei Hafen 52

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Ein Artikel von Dagmar Holley | 13.08.2020 - 09:49
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Architekturstudentin Pia Pollak entwarf die Pionierbibliothek – eine mobile Bibliothek für einen Stadteil, der gerade entsteht – die Grazer Reininghausgründe. © Julia Wohlfahrt, Pia Pollak

Vorstellungskraft ist auch hilfreich, wenn man über die riesige Baustelle der Reininghausgründe in Graz spaziert. Dort, wo früher die Brauerei mit zahlreichen Nebengebäuden stand, soll in den kommenden Jahren ein kompletter Stadtteil entstehen. Ein paar Neubauten sind schon fertig, daneben wird gearbeitet. Große Flächen warten auf ihre Bebauung, Altbestände auf ihren Abbruch. Auf dem 54 ha großen Areal entsteht ein neuer Stadtteil für 10.000 Bewohner und 5.000 Beschäftigen. Für den richtigen Mix aus Wohnen, Nahversorgung, Gewerbe, Mobilität, Freizeitaktivitäten und Veranstaltungen sorgt unter anderem das Stadtteilmanagement - eine Auskunfts- und Koordinationsstelle direkt vor Ort.
Beim Holzdesign-Besuch im Juli befindet sich das Büro noch in einem Abbruchhaus. Aber Stadtteilmanager Andreas Goritschnig hofft, im Herbst mit seinem Team ein paar Ecken weiter ins neue Lokal zu übersiedeln. Dort soll die mobile Bibliothek als Blickfang und Einladung zum Informieren und Verweilen dienen.

 

Im Kollektiv auf Ideensuche

Zudem begeistert sich Goritschnig, der Architektur studiert hat, für Naturmaterialien: „Holz spielt eine wichtige Rolle, weil es ein Material ist, das wir selbst bearbeiten können und ein großes Spektrum an Möglichkeiten in sich birgt.“ Er ist Mitglied des Breathe-Earth-Collective und wirkte 2015 am österreichischen Expo-Pavillion in Mailand mit, der mit heimischen Bäumen für Aufsehen sorgte. Sein Designstudio Studio AG beschäftigt sich mit der Gestaltung von Veränderung und erarbeitete das ursprüngliche Konzept. Als externer Lehrbeauftragter an der TU Graz unterstützt er Studierende eigene Ideen, Konzepte und Entwürfe zu entwickeln - etwa mit der praxisnahen Aufgabenstellung, eine mobile Stadtbibliothek zu gestalten. Anfangs stand die Mobilität im Mittelpunkt: die Bibliothek sollte mit dem Fahrrad transportierbar sein.

 

Funktionen elegant vereint

Schon damals stach der Entwurf Pollaks und ihres Studienkollegen Fabian Steinberger heraus. „Als Fahrradanhänger musste die Bibliothek geschlossen sein, um die Bücher beim Transport zu schützen. Sie sollte  transformierbar sein und sämtliche Funktionen – Stau- und Präsentationsräume, Sitzmöglichkeit und Auflageflächen – beinhalten“, beschreibt die Studentin die Anforderungen.
Später wurde die ursprüngliche Idee des Fahrradtransportes verworfen. „Wir haben uns die Frage gestellt, wie oft wir tatsächlich Zeit haben, damit durch die Gegend zu fahren“, erzählen Pollak und Goritschnig. Rollen ermöglichen dennoch einfache Ortswechsel im nahen Umfeld.
Mit ihrem Konzept aus sechs Würfeln, hat sie alle Funktionen elegant vereint. Die untere Ebene besteht aus vier Würfeln mit Laden und offenen Fächern. Die beiden oberen Würfel sind versetzt und diagonal geteilt. Sind sie geschlossen, bleibt dazwischen genug Platz zum Sitzen. Durch Umklappen öffnet sich der Container und verwandelt sich in ein Präsentationsmöbel.
Die Oberflächen sind für Innenbereich und überdachten Außenbereich geeignet. Die Kombination aus weiß lasierter Seekiefer und deckenden Buntlacken macht schon aus der Entfernung neugierig. Das Form- und Farbkonzept des neuen Stadtteils setzt sich im Möbel fort. „Wenn man von oben auf das geschlossene Möbel schaut, sieht man jede Farbe einmal“, macht Pollak aufmerksam. Das zeigt, wie sorgfältig durchdacht der Entwurf ist. Lederschlaufen statt Griffen erschweren ein Hinaufklettern.
Für Pollak, die sich auch für Stadtentwicklung interessiert, folgte ein Praktikum und eine permanente Mitarbeit beim Stadtteilmanagement. Im zukünftigen Geschäftsraum soll sich der Stil fortsetzen. „Wir wollen Dinge schaffen, die über die Zeit beginnen und sich später integrieren“, so Goritschnig.

 

Regional gut vernetzt

Das Stadtteilmanagement verfügt selbst über eine kleine Werkstatt. „Zum Experimentieren mit Design und Holz, für Prototypen“, erklärt der Stadtteilmanager. Aufwendigere Stücke werden von extern vergeben. Regelmäßig arbeitet man mit der Tischlerei Hafen 52 zusammen, die sich ebenfalls am Gelände befindet. Die kleine Tischlerei sieht sich auch als Nahversorger, übernimmt Arbeiten vom Design bis zum Liefern von Möbeln. „Natürlich entwerfen wir gerne selbst, aber es ist auch spannend, fremde Entwürfe umzusetzen. Dann sind vor allem Know-how, Kommunikation und Austausch gefragt“, beschreibt Daniel Schäfer von Hafen 52 die Zusammenarbeit. Er unterstützte die Umsetzung mit der Auswahl der Beschläge – Klavierbändern für die klappbaren Korpusteile und einer Stahlunterkonstruktion für ausreichende Stabilität – sowie der Holzart. Gesucht war eine Holzart, die trotz weißer Lasur ihre intensive Maserung zeigt. „Seekiefer eignet sich dafür besser als Birke. Sie wird hauptsächlich als Verpackungssperrholz verkauft, weniger für Möbel. Die Oberfläche ist nicht so gut schleifbar, reißt leichter an den Kanten aus, aber sie ist sehr lebendig. Und sie riecht stärker nach Holz“, schwärmt Schäfer von der Holzart, die seiner Meinung nach besonders in „trashige Büros“ passt.
Die Vernetzung war auch bei der Befüllung von Bedeutung. Da das Budget des Stadtteilmanagements begrenzt ist, wurde das Projekt im Rahmen der Initiative open.lab umgesetzt und eine Kooperation mit der Grazer Stadtbibliothek geschaffen. Gemeinsam wurden Bücher zum Thema Stadt und Stadtentwicklung ausgesucht und angeschafft. Die Stadtbibliothek soll eine Zweigstelle im Stadtteil bekommen – dorthin soll dann auch die Pionierbibliothek ziehen und dort weiter Lust aufs Lesen machen.